So fing alles an

Im Mai 2006 verließ der letzte im Harburger Binnenhafen beheimatete Umschlagbetrieb seinen jetzigen Standort. Die Firma Mulch zog zu ihrem neuen Standort in den Seehäfen. Damit ging ein wesentliches Stück Geschichte endgültig zu Ende. Im Binnenhafen werden keine Waren mehr umgeschlagen. Die Firma Mulch ging zwar, aber sie hinterließ Harburg und besonders dem Binnenhafen ein riesiges Geschenk. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf dem Harburger Hafenfest übergab die Seniorchefin der Firma der KulturWerkstatt einen der Umschlagskräne als Zeugnis dafür, dass Harburg einen richtigen Industriehafen hatte. Industriegeschichte, die man vielleicht bei der im Augenblick rasant verlaufenden Strukturveränderung in ein paar Jahren nur noch erahnen kann. Die KulturWerkstatt ist sehr stolz auf das erwiesene Vertrauen und wird alles für den Erhalt dieses Krans tun. Auch weil wir es als ein besonderes Geschenk an die Harburger ansehen.

Ansprache von Frau Hannelore Mulch anlässlich der Schenkung des Kranes auf dem Lotsekai an die Kulturwerkstatt am 28. Mai 2006 auf dem Lotsekai in Harburg

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Entgegengenommen von Herrn Klaus-Joachim Radwan, 1. Vorsitzender der Kulturwerkstatt und Frau Birgit Caumanns

Herzlich Willkommen bei den Resten der Firma Mulch auf der Schlossinsel

Die Schlossinsel, Keimzelle unserer Stadt, hat eine mehrere hundert Jahre alte Geschichte. Sie wurde bereits 1137 als Horeburg erwähnt. 1527 wird die Horeburg zum Schloss; 1539 beginnt die Geschichte Harburgs als Hafenstadt.

Einen Teil der jüngsten Geschichte hat auch die Firma Mulch geschrieben. Bereits 1889 wurde an diesem Ort von der Firma Knust ein Kohlenhandel betrieben – ab 1903 lautete der Firmenname „Harburger Kohlenhof Knust und Johannsen“. Nachdem die Firma Knust ihre Tätigkeit beendete, führte ab 1926 (genau vor 80 Jahren) Herr Wilhelm Mulch mit einem 2. Geschäftsführer das Unternehmen weiter.

Nach Ausscheiden des 2. Geschäftsführers ist Wilhelm Mulch ab 1929 alleiniger Inhaber der Firma, die bald unter dem Namen „Harburger Kohlenhof Wilhelm Mulch“ mit ihren Pferd-und-Wagen Transportfahrzeugen weit über Harburgs Grenzen hinaus bekannt wurde. Mitten aus erfolgreichem Schaffen verstarb Herr Wilhelm Mulch 1939 im Alter von 51 Jahren.

Mit bewundernswerter Energie hat seine Frau Gertrud Mulch während der schweren Kriegsjahre das Unternehmen weitergeführt. Ein großer Teil der männlichen Mitarbeiter wurde eingezogen und teilweise durch Fremdarbeiter ersetzt. In den letzten Kriegsjahren wurde auch unsere Stadt schwer beschädigt und etliche Verkehrswege unpassierbar. Trotz Rationierung wurden die wichtigen Betriebe, Krankenhäuser, Bäckereien, die Molkerei und auch die Bevölkerung, so gut wie möglich mit Brennstoffen versorgt. Erst nach Beseitigung der Kriegsschäden erholte sich die Wirtschaft langsam und auch die Firma Mulch konnte wieder durchstarten.

1949 trat Gerd Mulch nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Tätigkeit im Bergbau in die Firma ein und konnte zusammen mit seiner Schwester die Mutter entlasten. Bereits mit 22 Jahren leitete Gerd Mulch das Unternehmen zunächst mit seiner Mutter und bald als alleiniger Geschäftsführer.

Mit zunehmendem Bedarf der Industriebetriebe wurden für die Lagerung der Kohle noch weitere Flurstücke am Lotsekai hinzugepachtet. Für die steigende Zahl der Mitarbeiter wurde 1952 ein Wohn- und Betriebsgebäude gebaut. 1954 wurde der erste Autokran gekauft, mit den erforderlichen technischen Anlagen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nahm auch die Bautätigkeit wieder zu und etliche Bauherren entschieden sich für eine Ölheizung. Gerd Mulch – immer eine Nasenlänge voraus – schloss bereits 1956 mit der Shell den ersten Liefervertrag ab. Nun wurden mehrere Tankwagen gekauft, und damit sie auch in harten Wintern immer einsatzbereit sind, bauten wir nach Erwerb eines Grundstücks an der Bauhofstrasse eine Garagenhalle mit Einliegerwohnung für unseren Meister.

Damals lautete ein Slogan für unsere Heizölwerbung: „Mulch kommt immer!“ Das hatte zur Folge, dass viele Kunden ihre Tanks erst füllten, wenn es kalt wurde. Unsere Fahrer waren dann oft auch Sonn- und Feiertags unterwegs. So ergab es sich, dass der Hafenumschlag besonders in den Sommermonaten weiter ausgebaut werden konnte.

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Zunächst wurden zur Lagerung der Umschlag-Güter zwei weitere Flurstücke an der Zitadellenstraße erworben. 1968 stand der erste große Umschlagkran und 1972 wurde bereits der zweite Kran gekauft. Das Sortiment wurde umfangreicher und 1982 wurde ein Lagersilo mit Abfüllhalle und Abpackeinrichtung errichtet.

Seit das Erdgas als Heizenergie das Heizöl stark verdrängte, haben wir diesen Teil des Unternehmens an die Shell verkauft und seither verstärkt Umschlag, Lagerung und Spedition betrieben.

Viele große Schiffe aus verschiedenen Nationen wurden hier entladen und oft wurde in Schichten bis spät in die Nacht gearbeitet. Dass hier auch gern gearbeitet wurde, sieht man daran, dass ca. 30 Mitarbeiter über 25 Jahre hier tätig waren, und einige über 40 Jahre – auch von Beginn der Lehre bis zu ihrer Pensionierung.

Ich wünsche mir, dass von diesem Geist auch etwas an den neuen Standort mitgenommen wird, wo das Unternehmen von der dritten Mulchgeneration und einem jungen, dynamischen Geschäftsführer weitergeführt wird.

Mit dem geplanten Sprung über die Elbe wird es hier nun eine weitere große Strukturveränderung geben. Die industriell geprägte Hafenatmosphäre gehört nun der Vergangenheit an; damit sie aber nicht vergessen wird, übergebe ich diesen Kran nun der Obhut der Kulturwerkstatt, die die Erinnerung aufrechterhalten wird.

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